
OFFENER BRIEF an die Mitglieder des Ausschuss für Kultur und Medien
vom 14.02.2026
Sehr geehrte Damen und Herren,
Bezugnehmend auf die Nachricht zur Einigung bei der Filmförderreform, habe ich immer noch offene Fragen:
Ich begrüße grundsätzlich, dass überhaupt eine gesetzliche Lösung kommt und die 120 Millionen Euro freigegeben werden. Allerdings teile ich die Einschätzung der Branche, dass dieser "Kompromiss" in wesentlichen Punkten zu kurz greift und kritische Fragen aufwirft.
1. Die 8-Prozent-Quote ist wirkungslos
Man behauptet "Planungssicherheit" durch die 8-Prozent-Investitionspflicht. Die Realität: Netflix erfüllt diese Quote bereits heute, ohne dass ein Gesetz existiert. Deutsche Produzenten hatten mindestens 12-15 Prozent gefordert, damit sich eine spürbare Marktbelebung einstellt. Die Grünen forderten 20 Prozent nach französischem Vorbild, wo die Filmbranche boomt.
Meine Frage: Wie soll eine Quote, die bereits unterschritten wird, "mehr Produktionen nach Deutschland holen"? Wäre es nicht ehrlicher zu sagen, dass diese 8 Prozent lediglich den Status quo festschreiben?
2. Die "Öffnungsklausel" hebelt den Rechterückfall aus
Der erste Gesetzentwurf sieht gestaffelte Rechterückfallfristen vor – ein jahrzehntelang erkämpftes Ziel der Produzenten. Doch die "Öffnungsklausel" macht genau das zunichte: Wer 12 Prozent oder mehr investiert, kann von allen gesetzlichen Vorgaben abweichen – einschließlich des Rechterückfalls.
Wie Andreas Busche im Tagesspiegel zu Recht anmerkt: Bei Verhandlungen zwischen der Produktionsallianz und milliardenschweren globalen Streaminganbietern verhandeln die Parteien nicht auf Augenhöhe. Die Streamer werden ihre Marktmacht nutzen, um Produzenten die Rechte dauerhaft abzunehmen – gegen minimal höhere Investitionen.
Aktuelles Beispiel: Netflix und die Synchronsprecher
Wie Streamer mit den Rechten von Kreativen tatsächlich umgehen, zeigt der aktuelle Boykott deutscher Synchronsprecher gegen Netflix seit Januar 2026. Netflix verlangt in neuen Verträgen die Zustimmung zur Nutzung von Stimmaufnahmen für KI-Training – ohne zusätzliche Vergütung, ohne explizite Einzelzustimmung.
Rund 800 Synchronsprecher verweigern laut dem Verband Deutscher Sprecher:innen (VDS) die Unterschrift. Prominente Stimmen wie Patrick Winczewski (deutsche Stimme von Tom Cruise) und Ranja Bonalana (Renée Zellweger, Rosamund Pike) nennen diese Klausel eine "Friss-oder-Stirb-Regelung". Die Konsequenz: Netflix-Eigenproduktionen erscheinen derzeit ohne deutsche Synchronisation.
Das Problem: Die Klausel wurde von der Schauspielgewerkschaft BFFS ausgehandelt – also theoretisch auf "Augenhöhe". In der Praxis zeigt sich: Der milliardenschwere Konzern setzt seine Interessen durch, und die Kreativen müssen sich entweder fügen oder verlieren ihre Aufträge. Genau diese Dynamik droht nun auch bei den Rechten von Filmproduzenten.
Meine Fragen:
- Wie rechtfertigen Sie eine Regelung, die den wichtigsten Verhandlungspunkt – die Rechte als geistiges Eigentum der Urheber – zur Disposition stellt?
- Ist das nicht eine Kapitulation vor der Marktmacht der Tech-Konzerne?
- Was lehrt uns der aktuelle Netflix-Boykott über die "Verhandlungsmacht" von Kreativen gegenüber Streaming-Giganten?
3. Das fehlende Steueranreizmodell macht Deutschland unattraktiv
Man schreibt mir, diese Lösung würde "mehr Produktionen nach Deutschland holen". Die internationale Realität widerspricht dem:
- In Los Angeles wird aus Kostengründen kaum noch gedreht
- Tschechien, Ungarn, Großbritannien bieten deutlich bessere steuerliche Konditionen
- Frankreich kombiniert erfolgreich Investitionspflicht (20%) mit Steueranreizen
Ohne Steueranreizmodell – das unter Claudia Roth noch als "tragende dritte Säule" ausgearbeitet wurde – werden sich die großen Hollywoodstudios nicht locken lassen. Auch der Verband Vaunet (private Sender und Streamer) kritisiert: "Ein Anreiz für mehr Investitionen in Deutschland hätte nach wie vor nur ein nachhaltiges Fördersystem wie zum Beispiel ein Tax-Incentive-Modell geboten."
Meine Frage: Warum wurde das Steueranreizmodell "ad acta gelegt", wie der Tagesspiegel schreibt? Plant die Koalition, dieses zentrale Element nachzuholen, oder ist die Reform damit unvollständig?
4. Die Berechnung bleibt intransparent
Weil Streamer grundsätzlich keine Geschäftszahlen bekannt geben, soll die FFA den Umsatz "so genau wie möglich berechnen". Hanns-Georg Rodek warnt in der Welt zu Recht: Das könnte "ein bisschen knifflig" werden.
Meine Frage: Wie wollen Sie sicherstellen, dass die Berechnung nicht zu Lasten der deutschen Produzenten "optimiert" wird? Welche Kontrollmechanismen sind vorgesehen?
5. Verdi und die Produktionsallianz fordern "Politik aus einem Guss"
Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) fordert eine "Reformpolitik aus einem Guss". Die Produktionsallianz nennt das Ergebnis bestenfalls einen "belastbaren Kompromiss" – kaum ein überschwängliches Lob.
Selbst der Vorsitzende des Kulturausschusses im Bundestag, Sven Lehmann, zweifelt öffentlich: "Die geplante Investitionsquote von gerade einmal 8 Prozent berge die Gefahr, dass die Investitionsverpflichtung am Ende wirkungslos bleibe."
Meine Bitte an Sie:
- Setzen Sie sich für eine Erhöhung der Quote auf mindestens 12-15 Prozent ein – sonst bleibt die Reform wirkungslos.
- Streichen Sie die "Öffnungsklausel" beim Rechterückfall – oder machen Sie ihn zur zwingenden Voraussetzung, auch bei höheren Investitionsquoten. Der aktuelle Netflix-Boykott der Synchronsprecher zeigt überdeutlich, wie Streaming-Konzerne mit den Rechten von Kreativen umgehen, wenn sie die Möglichkeit dazu haben.
- Legen Sie zeitnah ein Steueranreizmodell vor – ohne dieses Element ist die Reform unvollständig und Deutschland bleibt international unattraktiv.
- Schaffen Sie Transparenz bei der Umsatzberechnung – mit klaren Kontrollmechanismen und Sanktionen bei Falschangaben.
Man schreibt mir, bei der Filmförderung gehe es "nicht um eine schöngeistige Randnotiz der Politik, sondern um einen wichtigen Teil unserer Kreativindustrie". Genau deshalb darf diese Reform nicht halbherzig sein. Die Branche hat drei Jahre auf diese Einigung gewartet – und bekommt nun einen Kompromiss, der in wesentlichen Punkten hinter dem Koalitionsvertrag und hinter internationalen Standards zurückbleibt.
Die Produktionsallianz spricht von 120.000 Arbeitsplätzen in der deutschen Filmindustrie (Stand 2024). Diese Zahl schrumpft bereits massiv: Laut SPIO-Statistik ist die Zahl der Erwerbstätigen 2024 erstmals seit 2021 wieder um 4,1% gesunken. In der Filmherstellung – dem Herzstück der Branche – gingen 13,4% der Arbeitsplätze verloren.
Noch dramatischer: Laut Initiative Fair Film arbeiten bereits 20% der Filmschaffenden parallel in anderen Tätigkeiten, weitere 11,9% unternehmen konkrete Schritte für einen Jobwechsel. Das sind zusammen fast 40.000 Menschen, die der Branche den Rücken kehren oder bereits gekehrt haben.
Meine Frage: Was wäre los, wenn die entsprechende Schlagzeile nicht „Filmindustrie verliert 40.000 Stellen", sondern z.B. „VW streicht 40.000 Stellen“ lauten würde?
Wenn die Politik jetzt nicht entschieden handelt, werden nicht 70.000 neue Arbeitsplätze geschaffen (wie Österreich es vorgemacht hat), sondern weitere Zehntausende verloren gehen.
Die verbliebenen Beschäftigten in der Film- und Fernsehproduktion brauchen mehr als symbolische Gesten. Sie brauchen eine Reform, die Deutschland tatsächlich wettbewerbsfähig macht – nicht eine, die den Status quo festschreibt und die Rechte der Urheber zur Verhandlungsmasse macht.
Der aktuelle Boykott von 800 deutschen Synchronsprechern gegen Netflix zeigt exemplarisch, wohin die Reise geht, wenn man die Rechte von Kreativen dem "freien Spiel der Kräfte" überlässt: Tech-Konzerne setzen ihre Bedingungen durch, und die Künstler müssen sich fügen oder verlieren ihre Existenzgrundlage.
Ich bitte Sie: Nutzen Sie den Gesetzgebungsprozess, um diese Schwachstellen zu korrigieren. Sonst wird Thomas E. Schmidt in der Zeit Recht behalten: "Man wird darüber sicher bald wieder reden" – weil diese Reform ihre Ziele verfehlt hat.
Mit freundlichen Grüßen
Holger Köppen
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